Leenen Prof. Dr., Wolf Rainer: Perspektivenwechsel (aus Beamten-Magazin 09/2009)

Perspektivenwechsel

Ende August ist in Nordrhein-Westfalen das Projekt „Interkulturelle Qualifizierung und Förderung kultureller Diversität in der Polizei NRW“ an den Start gegangen. Über die interkulturelle Öffnung des öffentlichen Dienstes sprach das „Magazin für Beamtinnen und Beamte“ mit Professor Dr. Wolf Rainer Leenen. Leenen leitet an der Fachhochschule Köln den Forschungsschwerpunkt Interkulturelle Kompetenz und hat das Projekt gemeinsam mit dem Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei Nordrhein-Westfalen (LAFP NRW) initiiert.

1. Herr Professor Leenen, kann man Interkulturalität lernen?

Man kann in der Tat lernen, mit Interkulturalität, also dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen, immer besser umzugehen. Wenn einzelne Personen immer sensibler und professioneller auf kulturelle Vielfalt reagieren, sprechen wir von interkultureller Kompetenz. Wichtig ist, den Umgang mit kultureller Vielfalt jedoch nicht nur isoliert auf der Ebene des Individuums zu betrachten, sondern auch ganzheitlich auf der Ebene der Organisation, die sich als System ebenfalls mit kultureller Diversität auseinandersetzen muss.

2. Über welche Kompetenzen müssen Polizistinnen und Polizisten verfügen, um Konflikte, in denen sie auf unterschiedliche Wertvorstellungen und Erwartungshaltungen stoßen, lösen zu können?

Zunächst einmal müssen sich Polizistinnen und Polizisten bewusst werden, dass es Unterschiede in den Wertvorstellungen gibt und dass sich ihr „polizeiliches Gegenüber“, aber vielleicht auch die Kollegin am Arbeitsplatz von anderen (aber nicht weniger respektablen) Überlegungen leiten lässt. Die Beamten müssen also in der Lage sein, die Dinge auch einmal von einem anderen kulturellen Standpunkt aus zu betrachten und gelten zu lassen. Damit ist keineswegs eine blinde Anpassung an andere Konventionen gemeint. Allerdings erfordert der Perspektivenwechsel die Fähig keit zur Reflexion der eigenen Wertvorstellungen.

3. Das Projekt soll auch dazu beitragen, die kulturelle Vielfalt in der nordrheinwestfälischen Polizei zu fördern. Besteht Nachholbedarf?

Länder wie Kanada, Großbritannien oder die Niederlande haben eine langjährige Tradition der Auseinandersetzung mit kultureller Vielfalt. Die deutsche Politik hat in der Tat sehr zögerlich die kulturelle Diversität in unserer Gesellschaft als Normalität akzeptiert. Insofern gibt es schon einen gewissen Nachholbedarf in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Allerdings gehört die Förderung interkultureller Kompetenzen schon seit einigen Jahren zum Aus- und Fortbildungsprogramm des LAFP NRW. Was wir jetzt gemeinsam angehen wollen, ist, den Diversitätsgedanken nach innen, in die Organisation zu tragen. Die neuen Fortbildungsmodule zielen daher auf Chancen und Probleme kultureller Diversität innerhalb der Polizei, versuchen also u. a. für ein Miteinander von Polizistinnen und Polizisten mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zu sensibilisieren.

4. Wie nützt kulturelle Vielfalt und interkulturelle Offenheit dem öffentlichen Dienst in Deutschland?

Während in Wirtschaftsunternehmen der Anteil nicht deutschstämmiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer weiter gewachsen ist, hat die öffentliche Verwaltung hier noch Nachholbedarf. Migrantinnen und Migranten sind in diesem Bereich unterrepräsentiert. Geht man davon aus, dass der öffentliche Dienst als Dienstleister für die gesamte Bevölkerung Deutschlands fungieren muss, so steht die aktuelle Zusammensetzung der Belegschaften in einem Missverhältnis zur kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft. Der öffentliche Dienst kann durch mehr interkulturelle Offenheit nur gewinnen.

 Zur Person

  • 1947 in Köln geboren
  • Diplomvolkswirt, Dr. rer. pol.
  • bis 1981 Leiter des Referats für Langfristplanung in der Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes
  • seit 1981 Professor für Sozialpolitik an der Fachhochschule Köln




Quelle: Beamten-Magazin 9/2009




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