Thurow, Patrice: „Wir müssen an einem Strang ziehen“

 

„Wir müssen an einem Strang ziehen“

Patrice Thurow (32) ist seit rund einem halben Jahr Bundesjugendleiter der Gewerkschaft der Polizei und damit zuständig für die JUNGE GRUPPE (GdP), die Jugendorganisation der GdP.

Wie bist Du Bundesjugendleiter geworden?

Ich habe beim Landesportbund Berlin eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann gemacht, danach im Bereich Bildung gearbeitet und schließlich Betriebswirtschaftslehre studiert. Als ich die Ausschreibung der GdP mit dem Schwerpunkt Jugendbildung gesehen habe, dachte ich: Das passt. Ich wurde genommen, obwohl ich keinen Polizeibezug hatte und auch noch kein Gewerkschaftsmitglied war. Aber als ehrenamtlicher Jugendtrainer für Wasserball weiß ich, wie das Ehrenamt funktioniert, wie Vorstände arbeiten. Nun bin ich dabei, die Organisation zu verstehen, habe Praktika auf Dienststellen gemacht. Und ich rede mit den Bundesjugendsekretären der anderen Gewerkschaften.

Aktuell gibt es viele Großeinsätze – Stichwort Chemnitz oder Hambacher Forst. Sicher keine leichten Aufgaben und aufwühlend gerade für junge Polizeikräfte. Wie geht man da ran?

Die Kollegen sind gut ausgebildet. Emotionen zuzulassen wäre unprofessionell. Man muss bei bestimmten Lagen durchgreifen, auch wenn man vielleicht Gewissenskonflikte hat. Problematisch wird es, wenn Unvorhergesehenes geschieht wie Gewaltexzesse. Deshalb sollten im Hintergrund Kollegen auf Reserve sein. Aber dafür reicht das Personal meist nicht. Ein großer logistischer Aufwand bei länderübergreifenden Lagen! Die Polizeikräfte müssen ja erstmal zum Einsatzort kommen. Nach den Einsätzen verarbeiten die Kollegen die Erlebnisse in Gesprächen. Bei meinem Praktikum in Berlin-Kreuzberg habe ich erlebt, wie sich die Beschäftigten gegenseitig unterstützen. Dieser Bezirk ist schwierig, eine Schutzweste trägt da jeder. Auf Streife sind überwiegend Jüngere unterwegs.

Inzwischen wird wieder mehr Personal bei der Polizei eingestellt…

…ja, aber in nächster Zeit gehen viele in Pension. Man muss nicht nur einen Ausgleich schaffen, sondern aufstocken! Die Kollegen fahren viele Überstunden. Mangels Leuten ist es schwierig, Zeitausgleich zu nehmen, und so kann es zu Belastungsgrenzen kommen. Viele werden krank. Fatal, denn Polizisten müssen leistungsfähig sein. Beim Generationswechsel darf der Erfahrungsschatz der Älteren nicht verlorengehen. Deshalb ist eine heterogene Altersmischung in den Dienstgruppen ratsam.

Mehr Menschen mit Migrationshintergrund in die Polizei – ist das bei Euch Thema?

Mein Eindruck ist, dass die jüngere Generation damit kein Problem hat. Auf dem Abschnitt, wo ich mitgefahren bin, hatten fast zehn Prozent der Kollegen Migrationshintergrund. Es gibt viele Bürger, die kein Deutsch können, da sind besonders Polizeikräfte gefragt, die bilingual aufgewachsen sind. Auszubildende mit Migrationshintergrund für die Polizei zu gewinnen, ist kein Selbstgänger. In anderen Ländern ist die Polizei nicht der Freund, sondern wirkt eher militärisch-bedrohlich. Wer solche Erfahrung hat, findet auch hier nicht einfach Zugang zur Polizei.

Inwiefern wird die Digitalisierung die Arbeit der Polizeikräfte verändern?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass wegen der Digitalisierung Polizisten eingespart werden. Man braucht etwa bei Straftaten physische Präsenz, um Recht durchzusetzen. Wichtig: Die IT-Landschaft muss harmonisiert werden, national, am besten europaweit. Bei allem ist der Datenschutz wichtig. Wir haben in manchen Bundesländern spezielle Messenger, über die sich Kollegen per Passwort verschlüsselt austauschen können. In den Wachen, die ich erlebt habe, hinkt man noch hinterher; da gibt es keine Smartphones, sondern normale Telefone und Funkgeräte. Aber: Wo der Bürger technisch ist, muss die Polizei auch sein, damit sie nicht abgehängt wird.

Was ist Dein Credo für die Arbeit als Bundesjugendleiter?

Konflikte – auch gewerkschaftsübergreifend – beruhen oft auf Unwissenheit und Vorurteilen. Deshalb suche ich das Gespräch. Man ist sicher nicht immer einer Meinung, aber wenn man die Punkte des anderen nachvollziehen kann, ist viel gewonnen. Das 21. Parlament der Arbeit war entspannt, unsere drei Delegierten der JUNGEN GRUPPE (GdP) waren in gutem Austausch mit den anderen Gewerkschaftsjugenden. Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Einzeln kommen wir nicht so weit wie als Team. Als Mannschaftssportler weiß ich das.

Das Gespräch führte Claudia Falk

Aus Gründen der Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen die männliche Form gewählt, es ist jedoch immer die weibliche Form mitgemeint.

Quelle: Beamten-Magazin 10/2018

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