Rau, Anita: „Eine Lücke wird geschlossen“

.

„Eine Lücke wird geschlossen“

Foto: Martin Ritzert | Grafik: shutterstock.de/Dolvalo

Baden-Württemberg gehört bislang zu den Ländern, die die Einführung einer pauschalen Beihilfe als Alternative zur individuellen Beihilfegewährung kategorisch ablehnen. Für Anita Rau, Finanzbeamtin in Baden-Württemberg und Vorsitzende des dortigen ver.di-Landesbeamtenausschusses, ist diese Haltung nicht nachvollziehbar. Rau ist privat krankenversichert und seit langem eine Befürworterin der pauschalen Beihilfe. Warum das so ist, erklärt sie uns im Interview.

Du hast als Landesbeamtin einen Anspruch auf Beihilfe in Geburts-, Krankheits-, Pflege- und Todesfällen sowie zur Gesundheitsvorsorge. Das klingt erstmal nach einem Rundum-sorglos-Paket. Welche Aspekte stören Dich an der gegenwärtigen Ausgestaltung des Beihilfesystems?

Sämtliche Behandlungskosten, sei es für ambulante wie auch stationäre Behandlungen, müssen vorfinanziert werden. Die Auslagen müssen zum einen mit der Beihilfestelle und zum anderen mit der privaten Krankenversicherung (PKV) abgerechnet werden. Die PKV-Prämie orientiert sich nicht am Einkommen, sondern am Beitrittsalter und Gesundheitszustand und bei Altfällen auch noch nach dem Geschlecht. KollegInnen mit niedrigen und mittleren Einkommen, sowie Teilzeitkräfte werden dadurch überproportional belastet. Als privat Versicherter ist man „Schuldner“ der Krankheitskosten. Nicht übernommene Kosten von der PKV müssen gegebenenfalls zivilrechtlich eingeklagt werden. Präventive Maßnahmen werden weder von der Beilhilfe noch von der PKV übernommen. Eine Familienversicherung kennt das System nicht. Ehefrauen bzw. Ehemänner und Kinder müssen beitragspflichtig mitversichert werden. BeamtInnen mit niedrigen Einkommen werden dadurch besonders belastet. Mein Fazit: Beihilfe plus PKV ist ein System für besser und sehr gut Verdienende.

Ein Argument gegen die pauschale Beihilfe lautet, die BeamtInnen könnten die negativen Konsequenzen ihrer endgültigen Entscheidung nicht überblicken. Kannst Du diese Warnung nachvollziehen?

Nein, dieses Argument könnte man genauso für die Entscheidung zu einer privaten Krankenversicherung bemühen. Im Falle der Privatversicherung ist nicht absehbar, wie sich der Beitrag im Verhältnis zum Einkommen entwickeln wird. Er ist einkommensunabhängig! Ist man einmal bei einer privaten Krankenversicherung versichert, ist ein Wechsel zu einer anderen Versicherung nur mit erheblichen Nachteilen möglich. Ein höheres Beitrittsalter führt zu höheren Beiträgen. Beim Wechsel ist erneut eine Gesundheitsprüfung fällig. Entscheidend ist, dass eine Information zu beiden Systemen erfolgt bevor man sich für das eine oder andere System entscheidet.

Wie erklärst Du Dir die teilweise vehemente Gegenwehr gegen die pauschale Beihilfe seitens mancher AkteurInnen?

Die Befürchtung ist, dass damit der Einstieg in eine Bürgerversicherung getan ist. Tatsächlich hat das aber damit gar nichts zu tun. Es wird lediglich eine Lücke geschlossen. Das war längst überfällig. Freiwillig Versicherte bekommen mit der Pauschale endlich einen Anteil ihrer Krankenversicherungsbeiträge vom Dienstherrn erstattet. Bisher mussten sie den vollen Beitrag von 14 Prozent plus Zusatzbeitrag selbst bezahlen. Neue BeamtInnen bekommen ein Wahlrecht nur wenn Vorversicherungszeiten in der gesetzlichen Krankenversicherung gegeben sind. Es ist also nur ein Wahlrecht für einen sehr eingeschränkten Personenkreis. Wünschenswert wäre ein wirkliches Wahlrecht, oder noch besser eine Krankenversicherung für Alle, die sich am Einkommen orientiert und allen Menschen eine gleich gute medizinische Versorgung garantiert.

Quelle: Beamten-Magazin 06/2019

mehr zum Thema:
Startseite | Newsletter | Kontakt | Impressum
www.beamten-magazin.de © 2020