Bergstedt, Phillip: Wir müssen mehr in den gesellschaftlichen Fokus rücken

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Fotos: Sabine Luther / istockphoto.com/solarseven

Wie bist du zur Arbeit im Gesundheitsamt gekommen?

Ich habe Geografie studiert mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalentwicklung. Im Gesundheitsamt bin ich eher zufällig gelandet. Ich habe zunächst in der Bauleitplanung und im Bereich Genehmigungsverfahren für Kitas und Schulen gearbeitet, also im umweltbezogenen Gesundheitsschutz. Und später kam der Bereich Hygiene mit dazu, das ist dann der Bereich Genehmigungsverfahren für Krankenhäuser, Pflegeheime, Praxen etc. Also alles, was im Infektionsschutzgesetz so genannt ist.

Wie sieht deine Arbeit denn konkret aus?

In der Regel läuft es so, dass ein Baugenehmigungsverfahren startet und dann die Träger öffentlicher Belange beteiligt werden müssen. Das Gesundheitsamt ist einer dieser Träger der öffentlichen Belange. Wir werden beteiligt und geben in dem Rahmen eine Stellungnahme ab. Häufig werden wir auch schon vorher von Architekten und Planungsbüros kontaktiert, um uns frühzeitig in die Planung zu involvieren und Tipps geben zu können. Wenn der Bau fertiggestellt ist, bekommen wir eine Benachrichtigung. In der Regel führen wir dann eine Schlussabnahme durch. Bei Kitas und Schulen ist es momentan so, dass wir das aus personellen Gründen nicht leisten können.

Worauf achtet ihr bei der Begutachtung konkret?

Wir begutachten baulich-hygienisch in dem Fall, vor allem bei medizinischen Einrichtungen. Es geht darum, dass die Räume so gebaut werden, dass hygienisches Arbeiten möglich ist. Die Kontaktoberflächen oder Fußböden müssen so ausgestaltet sein, dass sie desinfektionsmittelbeständig sind. Wir achten auch auf die Wegeführung im OP-Bereich, damit das Personal nicht falsch läuft und eine Trennung in reine und unreine Bereiche möglich ist.

Und bei Kitas und Schulen ist das ähnlich?

Da geht es eher um umweltbezogene Problematiken. Also um Schadstoffe, die aus Baumaterialien entweichen könnten und die für Kinder schädlich sein könnten. Aus PVC könnten zum Beispiel Weichmacher entweichen. Und wir achten darauf, dass so gebaut wird, dass es auf den Außenspielflächen bspw. genug Schatten gibt. Auch achten wir auf Lärm und Luftschadstoffe.

Kannst du einschätzen, wie sich die Personalausstattung über einen längeren Zeitraum verändert hat?

Vor 15 Jahren waren hier mehr Leute tätig. Außerdem kamen immer mehr gesetzliche Anforderungen dazu, etwa durch neue Bundesgesetze, die wir umsetzen müssen. Die Personalausstattung wurde aber nicht entsprechend angepasst, das ist natürlich schwierig. Das führte alles zu einer höheren Arbeitsbelastung. Wir haben also zwei Probleme: Personalmangel und Aufgabenzuwachs.

In welchem Arbeitsbereich drückt denn der Schuh am meisten im Gesundheitsamt Bremen?

Der größte Problembereich war über lange Jahre wirklich die Infektionsepidemiologie. Also der Bereich, der aktuell mit Corona beschäftigt ist. Dieser Bereich ist seit letztem Jahr aber wieder ganz gut mit Personal ausgestattet. Die Bezahlung der ÄrztInnen wurde verbessert und neue Ausbildungsplätze für Gesundheitsaufseher geschaffen. Das sind die Kolleginnen und Kollegen, die in die Einrichtungen gehen und das Infektionsschutzgesetz durchsetzen. Problembereich ist bei uns, also in der Abteilung Gesundheit und Umwelt, mittlerweile eher die Umwelthygiene, da vor allem die Überwachung des Trinkwassers, aber auch die Baugenehmigungen für Kitas und Schulen. Die sozialpädiatrische Abteilung hat ebenfalls Probleme. Hebammen haben wir fast keine mehr. ÄrztInnen sind ebenfalls schwer zu finden für diese Abteilung. Wie auch für den sozialmedizinischen Dienst. Die AIDS-Beratung oder die Beratung zu Geschlechtskrankheiten haben es auch immer schwerer, da dort viele KollegInnen in Rente gehen. Im Grunde betrifft es das gesamte Amt.

Wie viele KollegInnen werden in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen?

Viele. Die meisten sind über fünfzig, Mitte fünfzig. Das sehe ich auch in unserer ver.di-Betriebsgruppe. Viele Aktive verlassen jetzt das Amt. Das mit jungen Personen auszugleichen, die in die Gewerkschaft eintreten, ist schwierig. Aber wir sind dran.

Findet im Gesundheitsamt ein Wissenstransfer statt oder geht die Erfahrung verloren?

Darum wird sich leider nicht gekümmert. Wir weisen immer drauf hin, dass rechtzeitig eingestellt werden muss, damit sich die Stellen überlappen und die Neuen von den FachexpertInnen eingearbeitet werden können. Aber das wird seit Jahren nicht gemacht. Es wird immer gesagt, dass Bremen kein Geld hat.

Was ist deiner Meinung nach das größte Problem im Gesundheitsamt?

Ich kenne meine Abteilung natürlich am besten. Bei den anderen Abteilungen ist aber mein Eindruck der, dass zum Beispiel die Schuleingangsuntersuchungen zwar gemacht werden können, aber es ist immer auf Kante genäht. Das Prostituiertenschutzgesetz ist schwer umzusetzen, da Personal fehlt. Für die Selbsthilfeförderung findet sich auch kein Personal. Abgesehen davon haben wir ein Platzproblem im Gesundheitsamt.

Wie hat sich durch Corona eure Arbeit in den letzten Wochen verändert?

In meinem Fachreferat ist eigentlich jeder mit Corona beschäftigt. Ich selbst bisher wenig, aber ich versuche die KollegInnen von anderen Aufgaben zu entlasten. Überstunden wurden bisher [Mitte März; d. Red.] zwar nicht angeordnet, aber natürlich gemacht. Bezüglich der arbeitsrechtlichen Fragestellung kommen regelmäßig Informationen von der Verwaltung. Der Arbeitgeber ist dabei, vernünftige Lösungen zu finden. Es gibt auch einen Krisenstab. Wenn uns diese Krise vor zwei Jahren getroffen hätte, wäre das richtig hart gewesen. Da war das Fachreferat einfach nicht mit genügend Personal ausgestattet. Jetzt gibt es circa 30 Leute in diesem Referat, damals waren es knapp 10.

Siehst du es auch als Verdienst eures gewerkschaftlichen Engagements, dass sich die Personalausstattung im letzten Jahr verbessert hat?

Definitiv! Es ist unserer Betriebsgruppe und unserer Gewerkschaft zu verdanken, dass da etwas passiert ist. In der Tarif- und Besoldungsrunde 2019 haben wir im Gesundheitsamt einen Warnstreik organisiert. Wenn niemand den Mund aufgemacht hätte, dann wäre hier auch nicht so viel passiert.

Was müsste aus deiner Sicht passieren, um das Problem Personalmangel zu lösen?

Es wäre gut, wenn der öffentliche Gesundheitsdienst in der Öffentlichkeit endlich wahrgenommen und für wichtig erachtet wird. Wir müssen mehr in den gesellschaftlichen Fokus rücken.

Quelle: Beamten-Magazin 04/2020

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