Ausgabe 2010/08: Leben am Limit


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Leben am Limit

Überzeugung, Enthusiasmus und Selbstdisziplin sichern das Überleben in deutschen Klassenzimmern

Die Vorstellungen über den Arbeitsalltag von Lehrerinnen und Lehrern sind bei vielen Menschen erstaunlich konkret und annähernd unverrückbar. Ob sie die Realität treffen, darf getrost in Frage gestellt werden. Renate Beblo gibt einen Einblick in ihren ganz persönlichen Arbeitsalltag als Lehrerin einer Grundschule in Niedersachsen.

Eigentlich habe ich für diesen Text keine Zeit, denn es ist 21.30 Uhr und vor mir liegen noch ein Klassensatz Tests und Sachkundemappen, die ich eigentlich durchgucken müsste, was ich jetzt wohl aufs Wochenende verschieben muss. Seit langem arbeite ich (54) als Grundschullehrerin mit voller Stelle in Niedersachsen, das sind in der Regel 29 Wochenstunden Unterricht. Stunden, in denen man nicht einmal für fünf Minuten mit halber Kraft arbeiten kann (weil es einem vielleicht nicht so gut geht), denn man ist ständig angesprochen und konfrontiert, trifft Entscheidungen, versucht zu verstehen, Wege zu finden, verstanden zu werden, zu vermitteln, gute Stimmung herbeizuführen und zu bewahren, die Lernfreude zu erhalten, Arbeitsruhe herzustellen, gerecht zu sein, mit schwierigen Schülern umzugehen, Konflikte zu besprechen, Regeln durchzusetzen, Lernstoff zu vermitteln und kranke Kolleginnen zu vertreten. In den sogenannten Pausen kommt die eigentlich benötigte Ruhe kaum auf. Denn nun heißt es kopieren, besprechen, schnell etwas essen und trinken, Aufsicht führen, vielleicht ein Telefonat tätigen und sich abgrenzen gegenüber Eltern, die plötzlich vor der Tür stehen und etwas ganz Wichtiges jetzt und hier besprechen wollen.

Arbeit ohne Zeitschema

Vor kurzem habe ich mir die Mühe gemacht, einmal aufzulisten, wie viele Stunden ich tatsächlich arbeite. Das ist nicht einfach, denn es gehört so vieles dazu, das weder am Schreibtisch noch in der Schule stattfindet: Einkäufe von Material zum Basteln, Werken oder zur Ausstattung des Computerraums, Vorbereitung von Unterrichtsgängen, Gespräche mit Therapeuten, Horterziehern und Eltern, Fortbildungen an Nachmittagen oder Wochenenden. Was also habe ich in den letzten Wochen neben meiner eigentlichen Tätigkeit als Unterrichtende sonst noch getan? Ich habe mich in ein neues Zeugnisprogramm eingearbeitet und dabei mit Programmierfehlern und -tücken gekämpft, habe ein Formular erstellt und 25 Zeugnisse inklusive Empfehlungsschreiben geschrieben. Es gab Dienstbesprechungen, Gesamtkonferenzen, Fachkonferenzen, Klassenkonferenzen und 25 halbstündige Eltern-/Schülergespräche zu den Schullaufbahnempfehlungen. Schulvorstandssitzung und Jahrgangskonferenzen kommen demnächst, ebenso Elternsprechtage am Nachmittag. Ich habe Schülerbegleitbögen und Förderpläne für Schüler geschrieben und an mehreren neuen Konzepten für unsere Schule mitgearbeitet. Nicht zu vergessen die mehrseitigen Gutachten für zwei Schüler, die auf Förderbedarf überprüft werden. Weiterhin habe ich eine Fortbildung für Kolleginnen und Kollegen vorbereitet und auf den nächsten Tag muss ich mich auch immer noch konkret vorbereiten und Unterrichtsmaterial zusammenstellen. Außerdem betreue ich zurzeit zwei Referendarinnen und spreche mit ihnen Stunden durch. Demnächst steht eine Elternversammlung mit einigen Konfliktthemen auf dem Plan. Nicht unerheblich und kaum in ein zeitliches Schema zu fassen, schlagen Konflikte zu Buche, die wir zunehmend mit gereizt auftretenden Eltern durchstehen müssen. Ein Anruf mit wilden Beschimpfungen kostet nächtelang den notwendigen Schlaf und unglaublich viel Energie. Alles in allem komme ich auf mehr oder weniger 60 Stunden in der Woche, verteilt auf die Tage und Abende und auf Wochenenden.

„Belastungen auf ein lebbares Maß zurückschrauben"

Zu kurz kommen Privatleben, Haushalt, Freizeit und Entspannung. An ein freies Wochenende kann ich mich kaum erinnern. Ich schlafe schlecht. Dass ich Arbeitsstunden und damit auch mein Einkommen kürze, kommt für mich als Alleinlebende nur bedingt in Frage, mal ganz davon abgesehen, dass die Landesregierung auch diese Möglichkeit gerade kappen will und ich begründen muss, warum ich z. B. die jahrelang zusätzlich geleistete 29. Stunde nun zurückhaben und zusätzlich noch zwei weitere Stunden reduzieren will. Fluglotsen, Piloten und Bundeswehrmitarbeiter werden aufgrund des großen Stresses in ihrem Beruf mit 55 oder sogar noch eher in den Ruhestand versetzt. Doch darum geht es mir gar nicht, denn ich arbeite gern und denke, dass ich eine gute Lehrerin bin. Doch ich wünsche mir, dass unsere Belastungen gesehen und auf ein realistisches, lebbares Maß zurückgeschraubt werden. Wie sollen wir gesund bleiben und gute Unterrichtende sein, wenn wir so dermaßen am Limit leben?

Präventive Selbstdisziplin

In den Sommerferien des vergangenen Jahres habe ich eine vierwöchige Kur gemacht, um einem Burnout vorzubeugen. 80 Prozent der zum größten Teil weitaus jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die ich hier antraf, waren seelisch und körperlich völlig erschöpft. Ich zwinge mich inzwischen auf dringenden ärztlichen Rat dazu, einen Wochenendtag von Schularbeit frei zu halten und mein Privatleben nicht ganz am Ende anzusiedeln, auch wenn ich nicht immer optimal vorbereitet in den neuen Tag starte. Ich habe mein Pensum um zwei Unterrichtsstunden reduziert, was ich als große Entlastung erlebe. Die 150 Euro weniger im Monat nehme ich hin. Allerdings wird unsere noch volle Halbtagsschule im Sommer in eine sogenannte „Verlässliche – besser: Verlassene – Grundschule umgewandelt, wonach dann bestimmte Aufsichtszeiten wie z. B. das gemeinsame Frühstück im Klassenverband oder Doppelbesetzungen in großen Klassen nicht mehr als Arbeitszeit anerkannt werden. Ich werde dadurch wieder mehr arbeiten müssen – ohne jeden finanziellen Ausgleich.

Diskrepanz zwischen Ansprüchen und Anerkennung

Altersteilzeit war gestern. Heute gilt: Stundenreduzierungen der letzten Arbeitsjahre sollen sich auf die Höhe der Pension auswirken. Eine clevere Lösung, Geld einzusparen – in einem Beruf, in dem nur eine Minderheit überhaupt bis zum Rentenalter durchhält. Ich spüre eine tiefe Verachtung für unsere Tätigkeit. Gleichzeitig soll sich aber die Lernsituation unserer Kinder verbessern. Wir sind immer noch Menschen, große und kleine, und keine Maschinen, die auf Kommando und ohne Rücksicht auf äußere Bedingungen lernen und lehren. Und um am Schluss eines klarzustellen: Letztlich geht es doch darum, dass unsere Kinder die besten Bedingungen für ihre Bildung bekommen.

Quelle: Beamten-Magazin 08/2010


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