Ausgabe 2018/10: Prekäre Personaldecke

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Prekäre Personaldecke

DGB Personalreport

Welche Trends lassen sich aus den Zahlen des Statistischen Bundesamts zur Personalausstattung des öffentlichen Dienstes ableiten? Der DGB Personalreport hat die Daten unter die Lupe genommen, bewertet und aufbereitet. Das Magazin für Beamtinnen und Beamte gibt einen kurzen Einblick und fragt, was die Auswirkungen der Personalpolitik für den Arbeitsalltag der Beschäftigten bedeutet.

Von Niels Spilker 

 

Grafik: istockphoto.de/erhui1979

Auf den ersten Blick wirken die Zahlen aus der Personalstandstatistik ganz erfreulich. In einzelnen Bereichen des öffentlichen Dienstes wurde auch im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr mehr Personal eingestellt; damit setzt sich die seit 2008 feststellbare Entwicklung tendenziell fort. Insgesamt gab es im Vergleich zum Vorjahr einen Zuwachs von 49.585 Beschäftigten. Mehr Personal gab es etwa im Bereich Sicherheit und Ordnung (+10.030), bei den Hochschulen (+ 8.620) und bei den kommunalen Einrichtungen der Kinderbetreuung (+ 8.035).

Im öffentlichen Dienst waren also zum Stichtag 30.6.2017 insgesamt 4,74 Millionen Personen tätig. Darunter waren 1,68 Millionen BeamtInnen und 2,90 Millionen Tarifbeschäftigte. Der Frauenanteil lag bei 56,7 Prozent. Von allen Beschäftigten sind 1,53 Millionen in Teilzeit tätig (einschließlich Altersteilzeit). Das sind 32,3 Prozent, wobei hauptsächlich Frauen in Teilzeit arbeiten. 218.750 Personen absolvierten eine Ausbildung im öffentlichen Dienst.

Beispiel Bauen und Gebäudemanagement

Aber was folgt aus diesen abstrakten Zahlen? Was bedeuten sie für die Beschäftigten und für die Arbeits- und Leistungsfähigkeit im öffentlichen Dienst vor Ort? Diesen Fragen ging der DGB Personalreport in zwei Interviews nach. Brit Danielmeier arbeitet seit dem Jahr 2000 als Architektin für die Stadt Hannover und ist stellvertretende Vorsitzende im Gesamtpersonalrat. Sie hat hautnah erlebt, was Personalabbau bedeutet.

In Niedersachsen wurde in der Bauverwaltung die Zahl der Beschäftigten, die auf 1.000 EinwohnerInnen kommen, zwischen 1995 bis 2015 fast halbiert.1 Die Folgen für die Beschäftigten, die Bauanträge prüfen und öffentliche Bauten planen, waren auch bei der Stadt Hannover drastisch. Der Personalabbau hatte laut Brit Danielmeier zur Folge, „dass die Ämter ausgeblutet sind, sie sind auf ein Minimum zurückgefahren worden. Bei uns im Baubereich wurde so viel wie irgend möglich nach außen vergeben, wir steuern nur noch.“ Durch Kürzungen und Besetzungssperren sei der Druck gestiegen, auch die psychischen Belastungen für die KollegInnen hätten deutlich zugenommen.

Mittlerweile habe die Stadt diesen harten Sparkurs zwar korrigiert. Im Gebäudemanagement seien zusätzliche Stellen eingerichtet worden, was angesichts dringend benötigter KITA- und Schulbauten dringend erforderlich sei. Auch die fatalen Folgen einer niedrigen Eigenfertigungsquote der öffentlichen Bauverwaltung sei erkannt worden, diese soll nun von drei bis fünf Prozent wieder auf 30 Prozent ansteigen. „Sonst ist das Knowhow weg. Wenn man im Bereich Hochbau und Technische Ausbaugewerke nur noch steuert, dann weiß man irgendwann nicht mehr, wie es auf der Baustelle aussieht“, sagt Brit Danielmeier. All diese Korrekturen machen laut Personalreport eine veränderte Personalpolitik deutlich, die Personaldecke ist aber weiter prekär. Die Lücken, die der Personalabbau gerissen hat, sind noch immer vorhanden. Und durch die sich abzeichnende Pensionierungswelle droht enorm viel Erfahrungswissen verloren zu gehen.

Beispiel Berufsschule

Die Situation an unseren Schulen ist nicht weniger kompliziert. Jahrelang haben die Bundesländer zu wenige Lehrkräfte ausgebildet, jetzt werden sie verzweifelt gesucht. Ronald Rahmig, Direktor des Oberstufenzentrums Kraftfahrzeugtechnik Berlin-Charlottenburg, beschreibt die Situation an einer Berufsschule. Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass auch hier bis 2025 rund 22.000 zusätzliche Lehrkräfte gebraucht werden.2

Laut Ronald Rahmig ist der Lehrfachkräftemangel an den technischen Schulen nicht neu, aber er verschärfe sich: „Wir haben deshalb schon immer sogenannte Quereinsteiger eingestellt. Im Augenblick habe ich einen Anteil von über 25 Prozent. Bei der letzten Einstellungsrunde habe ich fünf Stellen besetzen können, da hatte ich nur Quereinsteiger im Angebot.“ Da diese neuen KollegInnen sehr motiviert und fachlich fit seien, stellten sie für ihn ein Gewinn dar. Allerdings sei die Belastung für das restliche Kollegium gewachsen, weil es die Einarbeitung unterstützen muss.

Die Gesamtbelastung der Lehrkräfte muss laut Rahmig reduziert werden. Für die Schule seien extrem viele Aufgaben dazugekommen, zumal die SchülerInnen einer Berufsschule sehr heterogen sind – teilweise ohne Schulabschluss, teilweise mit Abitur. Wenn es etwa an der Sprachkompetenz mangele, so Rahmig, „muss man sich drum kümmern, sonst pflanzt sich das fort. Die Schule ist die einzige Institution, die in dem Bereich unterwegs ist, sie ist dafür aber momentan nicht aufgestellt.“ Neben Lehrkräften fehlen ihm deshalb ErzieherInnen und sozialpädagogische Fachkräfte.

Wohin steuert der öffentliche Dienst?

Nicht nur diese Erlebnisse und Eindrücke verdeutlichen weiteren Handlungsbedarf. Der DGB Personalreport zeigt: Der oben angeführte Personalzuwachs ist noch lange keine Trendwende. Im öffentlichen Dienst gehen demnach 27 Prozent der Beschäftigten in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand. Die Altersverteilung ist nicht homogen, im Vergleich zu allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten gibt es im öffentlichen Dienst deutlich weniger junge und mehr ältere Beschäftigte (siehe Abbildung). Die Befristungsquote bei den ArbeitnehmerInnen im öffentlichen Dienst ist erneut angestiegen, sie liegt jetzt bei 15,6 Prozent.

Die öffentlichen Arbeitgeber müssen, so das Fazit des Personalreports, ihrer Vorbildrolle endlich wieder gerecht werden. Der DGB fordert ein Ende der Befristungspraxis und eine verpflichtende Personalbedarfsplanung. Durch überlappende Stellenbesetzung und strukturierte Übergabeverfahren muss ein Wissensverlust verhindert werden. Die to-do-Liste ist lang. Ziel muss Gute Arbeit im öffentlichen Dienst sein.

Altersstruktur im öffentlichen Dienst im Vergleich zu allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland 

 

1 Gornig, Martin/Michelsen, Claus (2017): Kommunale Investitionsschwäche: Engpässe bei Planungs- und Baukapazitäten bremsen Städte und Gemeinden aus, DIW Wochenbericht Nr. 11/2017, Abbildung 8.

2 Dohmen, Dieter (2018): Prognose der Schüler*innenzahl und des Lehrkräftebedarfs an berufsbildenden Schulen bis 2030. Bericht für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und Max-Traeger-Stiftung, Frankfurt am Main.

Quelle: Beamten-Magazin 10/2018

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